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Page history last edited by Martin Lindner 3 years, 3 months ago

 

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Von diesem Tisch aus, an dem ich gerade schreibe, sehe ich auf den Garten. Ein sehr kleiner, fast quadratischer Garten, mitten in einer engen Reihenhaus-Siedlung, eingerahmt von hohen Hainbuchenhecken. Suburbia. Zwei Rosenbeete, drei Sträucher, ein Apfelbaum und eine Birke. Vogelarten gibt es hier eigentlich nur zwei: Amseln und Meisen.

 

Es ist März. Die Birke fängt gerade an zu blühen. Tatsächlich tut sie das ein paar Tage früher im Jahr, als sie es noch vor drei Jahrzehnten getan hätte. Nicht, dass ich das je bemerken würde. Ich bemerke kein Klima, nur das Wetter, und das ist mal so, mal so. Dass die frühere Blüte der Birken hier mit der globalen Erwärmung zusammenhängt, ist ein konkretes Forschungsergebnis der Universität am anderen Ende der kleinen Stadt, in der ich wohne. Anette Menzel hat an einer Studie mit XX Wissenschaftlern aus YY Ländern zum Klimawandel mitgearbeitet, deren Ergebnisse gerade in Nature veröffentlicht wurden. Sie kombiniert Einzelbeobachtungen aus ganz Europa mit strengen statistischen Methoden, um zufällige und nur regionale Einflüsse herauszufiltern, und stellt die Resultate in einen europaweiten Kontext.

 

BILD: Vogel, Baum, Wissenschaftler. Testgarten.

 

Anette Menzel ist Professorin, ihre Wissenschaft heißt "Phänologie": Das ist die Beobachtung, wie sich die Lebenszyklus-Phasen von Pflanzen und Tieren zeitlich über das Jahr verteilen. Eine Mischung aus Beobachtung und Mathematik. Auch die Meisen, so hat Menzel festgestellt, brüten hier nun ein paar Tage früher. Weil solche Zyklen sehr eng und direkt mit den Temperaturen zusammenhängen, kann man die Phänologie nutzen, um von diesen kleinen unscheinbaren Beobachtungen auf die globale Erwärmung zu schließen,von der sonst keiner etwas merkt. Die sich sonst keiner konkret vorstellen kann.

 

Der "Klimawandel", was ist das? Eigentlich unsichtbar und unspürbar. Zu groß und zu allgemein für mich hier, der auf den Reihenhausgarten schaut. Das ist nicht viel anders als das Wissen, dass die Erde im Weltall schwebt, der vierte Planet von innen, irgendwo am Rand unserer Galaxie, und dass die Sonne in drei bis vier Milliarden Jahren erlöschen wird. Oder doch eher Millionen? Und letztlich kommt es daruf auch gar nicht mehr an.

 

Der Garten hier ist etwas. Er existiert, jedenfalls seit 10 Jahren, als Lastwagen hier groben Aushub aufgeschüttet haben, darüber eine dünne Humusschicht. Die globale Erwärmung ist kein greifbares Ding, nicht einmal ein Ereignis, sie ist ein statistischer Trend: Diese Region hier zum Beispiel hat sich, so lerne ich aus dem Internet, seit 1860 um etwa 1,5 Grad Celsius erwärmt. Vorausgesagt wird, dass sie sich in den nächsten 20 Jahren um weitere 1,8 Grad erwärmen. Das kann schon sein, aber ich merke es nicht, hier und jetzt. An die letzten Jahre habe ich diffuse Erinnerungen an wechselnde Wetterlagen. Auch das frühere Brüten der Meisen und Blühen der Birken bemerke ich nicht, aber es ist eine Beobachtung, die ich im Prinzip auch selbst machen könnte. Damit wird es greifbar: Hier geschieht etwas, mit der Welt und mit diesem Garten.

 

In Wahrheit wird sich hier der Klimawandel nicht besonders dramatisch auswirken, sagt das Internet. Das Hauptproblem werden wohl die veränderten Niederschläge sein - die Frühsommer werden deutlich trockener, und es wird dazwischen mehr starke Niederschlähe und Hochwasser geben. Aber das ist alles nicht existenziell. Dieser Garten liegt in der Mitte von Westeuropa, weder besonders hoch noch besonders tief, im Übergangsbereich zwischen feuchtem Atlantik- und trockenem Kontinentalklima. Er ist weit weg vom Meer und immerhin über 100 Kilometer entfernt vor den Bergen. Es kann mir hier ziemlich egal sein, was anderwo geschieht.

 

Ich schaue hoch in den blauen Himmel und sehe die Flugzeuge ihre weißen Kondenstreifen hineinzeichnen. An diesem Ende der Stadt gibt es oft Nebel, wegen der Überreste des nahen Moors, die den Bau des Großflughafens überlebt haben. Zwei Klicks auf dem PC, an dem ich dieses Manuskript gerade schreibe, http://maps.google.com, und ich sehe die kleine Stadt, in der ich lebe, so wie sie jemand von dort oben in dem Flugzeug sieht, das gerade über mir hinwegfliegt. Der Fluss und die Autobahn, ungefähr parallel, rundum das geometrische Patchwork der Felder, Raps, Mais, Sonnenblumen, Braugerste. Oben der Fleck aus Häusern, wie ein dicker, grauer, von vielen feinen Linien durchzogener Pilzfleck auf altem Verputz. Unten, wie hineingedruckt, das kultische geometrische Ornament des Großflughafens.

 

BILD

 

Wenn ich den Zoom-Regler auf dieser digitalen Landkarte ganz nach oben ziehe, sehe ich direkt von oben in diesen Garten hier, zwischen den Reihenhauszeilen. Das Satellitenbild ist über zwei Jahre alt, aber die Birke ist sehr gut zu erkennen.

 

Ein Flug verbraucht XX kg CO2. Eine Google-Suche verbraucht XX Gramm. Ich klicke auf das rote "Acess Connections"-Symbol und suche nach WLAN: Name1, name2, name3, name4. Vor zwei Jahren war da noch gar nichts. Einen Moment sich vorstellen, was gerade an Information in der Luft ist im Eisvogelweg in Freising. In dieser Sekunde, in dieser Stunde, an diesem Tag. Die unsichtbare digitale Wolke, die über diesen Häusern hier liegt.

 

Vor 80 Jahren, 1929, saß mein Großvater, siebter Sohn von zwölf eine Oberpfälzer Bauernfamilie, in einer Apotheke in XXX, eine andere bayerische Kleinstadt, etwa XX Kilometer entfernt, vor einem seltsamen elektronischen Gerät, mit Kopfhörer, und horchte hinaus in den Äther, wo das Gewirr fremder Stimmen war und die Musik. Paris, Berlin, Beromünster. Was veränderte das in seinem Kopf? Was veränderte das in seiner Apotheke? Was veränderte das in der kleinen bayerischen Stadt? Was veränderte das in Bayern, in Deutschland, in Europa?

 

BILD

 

Die Straßen hier in der Siedlung haben alle Vogelnamen. Sie erinnern an das, was hier war, bevor die Siedlungen hier in das sumpfige Gebiet worden sind: Eisvogelweg, Brachvogelweg, Stieglitzweg. ((Amsel? Meise?))

 

Digitale Phänologie: Das wäre dann die Wissenschaft, die herausfindet, wie sich die Lebenszyklen durch die digitale Wolke verändern. Menschenarten erforschen, wie es Anette Menzel mit Meisen, Finken und Amseln tut. In dieser Siedlung leben vor allem Ingenieursfamilien, gleich nebenan ist ein Block mit Zuwanderern, die am Flugplatz die billige Arbeit machen. Weiter vorn leben Richter und Ärzte, dazwischen Handwerker.

 

Weiter vorn, zwischen Finkenstraße und XXX-Straße, stehen kleine Siedlungshäuser aus den 1930er Jahren. Das war das Jahrzehnt des Radio: Der Volksempfänger im Wohnzimmer, mit dem die Leute, und zwar auch die Nazis selbst, weniger die faschistischen Reden hören wollten als Plaudern und Musik. Das hatte es noch nie gegeben: Stimmen beim Frühstück im Wohnzimmer.

Dann das Telefon, 20 Jahre später. Immer noch leben die Leute hier in dieser Siedlung,in diesem Land, vor allem im Raum zwischen den Telephonen. Und auch dieser Raum veränderte sich: Zuerst der Raum zwischen den Wohnzimmern, dann wurden die Schlafzimmer angeschlossen, und jetzt, mit dem Mobiltelefon, haben alle ihre persönliche Info-Wolke immer dabei.

 

Einen Moment sich vorstellen, welches unaufhörliche Stimmengewirr gerade in der Luft liegt, hier über den Reihenhäusern im Eisvogelweg. Draußen vor den Türen ist eher selten jemand zu sehen, zwischen den Mülltonnen und den Autos.

 

Und jetzt, seit ein paar Jahren, das Internet/Web, das alles einschließt: Das Lesen, das Bildersehen, das Hören, das Briefschreiben. Dazu die unfassbare Menge von Text-Information, die früher überhaupt nicht zugänglich war. Die zum allergrößten Teil nicht einmal DA war. Erst nur vom Schreibtisch aus, dann von jedem Tisch aus (und notfalls genügt auch nur etwas zum Sitzen), jetzt auch vom Mobiltelefon. Die digitale Wolke. Der digitale Klimawandel.

 

BILD (Überhitzung)

 

AL GORE.

Al Gore: Was ist das "Klimawandel"? Wie wird das etwas, das man anfassen kann?

 

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